Herddilettant

Dilettanten sind keine Idioten, sondern ehrenhafte Amateure

Wieso eigentlich Herddilettanten? So schlecht koche ich doch eigentlich gar nicht…

Hobbyköche mit Ambitionen verbringen ganze Tage am Herd, um Haute Cuisine zu spielen. Ist das Spaß oder Masochismus? […]

Wir müssen an dieser Stelle ein Geständnis ablegen: Wir sind dekadent. Jedenfalls in den Augen der meisten Menschen in unserer Umgebung, weil wir am Wochenende am liebsten stundenlang in der Küche stehen, um Rezepte von Sterneköchen nachzukochen, dafür viel Haushaltsgeld verpulvern und darüber unsere Kinder jugendamtmeldepflichtig vernachlässigen – es sei denn, sie helfen uns beim Parieren und Pürieren, schließlich erziehen wir sie im Geiste des guten Essens und streng nach der Maxime, dass Haustiere in den Kühlschrank gehören. Bei unseren Orgien erleben wir Desaster, wahrlich, wir wissen, was Versagen und Verzweiflung ist. Doch wir kennen auch den Triumph, wenn wir ein Wildhasenfilet im Toastmantel mit grüner Geflügelfarce aus dem Ofen holen und es wundersamerweise genauso aussieht wie das Gemäldegericht im Kochbuch. Dann fließen Schaumwein und Glückshormone in Sturzbächen, während in unserem kulinarischen Privathimmel alle Glocken läuten. Und genau deswegen warten wir immer auf den Moment, wenn wieder ein Schwung neuer Kochbücher von Spitzenköchen herauskommt.  […]

Hobbyköche sind Dilettanten, doch Dilettanten sind keine Idioten, sondern ehrenhafte Amateure. Trotzdem sind sie denselben charakterlichen Fallgruben ausgesetzt wie alle Menschen, die fanatisch einer Freizeitbeschäftigung nachgehen. Die Liste der Verfehlungen ist lang: Hochmut, Größenwahn, Besserwisserei, Angebertum, Realitätsverlust. Ein halbwegs gelungenes Gericht, und schon wähnt man sich auf Augenhöhe mit den Göttern des Kocholymps.

Strobel y Serra, Jakob, 04.01.2012, Der Triumph der Dilettanten, in: Frankfurter Allgemeine

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